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Mr. Boogie – Ich habe den verschollenen Zlatko-Film gesehen, und selbstverständlich ist er furchtbar

mr-boogie2Alle Menschen haben Träume – ein Model daten, ein Model verspeisen oder Bäume pflanzen oder so was. Meine eigenen Ziele sind etwas bescheidener: einer meiner sehnlichsten Wünsche war es immer, Mr. Boogie zu sehen. Mr. Boogie ist ein Film aus dem Jahr 2000, entstanden auf dem Höhepunkt des Hypes um die erste Staffel von Big Brother, auf dem Höhepunkt auch der sehr kurzen Karriere des Big-Brother-Insassen Zlatko Trpkovski. Zlatko war ein Phänomen: Ein schwäbischer Vollproll, der punkten konnte mit einem Mix aus Natürlichkeit und faszinierendem Nichtwissen in allen Lebenslagen („Schähksbier? Sach mal, muss man den kennen?“). Ein paar Monate lang gab es Zlatko-Bücher, Zlatko-CDs, eine Zlatko-Fernsehshow und einen legendären Auftritt beim Vorentscheid des Grandprix (den er, als er ausgebuht wurde, mit dem Gruß „Vielen herzlichen Dank, ihr Fotzköppe!“ beendete). Und es sollte eigentlich auch einen Kinofilm geben, in dem Zlatko die Hauptrolle spielte: Mr. Boogie. So eine Filmproduktion aber braucht Zeit, und als das Werk vollendet war, war Zlatko schon wieder auf dem Rückweg zum Niemand. Dass die ersten, wenigen Kritikerstimmen, die den Film gesehen hatten, ihn als niederstes denkbares Machwerk brandmarkten, gab der Produktion dann den Rest. Mr. Boogie wurde ins Archiv verbannt, für immer. Online ist er nie aufgetaucht, nicht einmal ein Trailer existiert (wohl aber ein Teaser – siehe unten), und selbst Screenshots gibt es nur wenige.

B0045012-4CTrotzdem habe ich ihn jetzt sehen dürfen. Die Umstände waren extrem konspirativ und sollen hier nichts zur Sache tun. Beschäftigen wir uns lieber mit dem Film selbst, denn die Informationen, die man bislang im Netz dazu findet, sind überaus spärlich. Mr. Boogie, soviel ist aus den veröffentlichten Marketingtexten bekannt, ist ein Privatdetektiv, der aber keine Fälle aufklärt, nein: Mr. Boogies Spezialität ist es, Leichen verschwinden zu lassen. Das ist eigentlich nicht das Berufsbild eines Detektivs, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er auch nur ein Mal im Laufe des Films als solcher bezeichnet wird.

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Die erste Einstellung des Films: ein stark betrunkenes Subjekt (symbolisch für den Zuschauer) sieht einem gesichtslosen Zlatko beim Telefonieren zu. Wahrlich eine “phoned in performance”.

Tatsächlich geht es damit los, dass Mr. Boogie einen Anruf der Oberstaatsanwältin Claudia Schumacher erhält, in deren Anwesen auf einmal einer ihrer Liebhaber tot und mit einem Messer im Rücken auf dem Küchentisch liegt. Sie beteuert ihre Unschuld, was Mr. Boogie am Arsch vorbeigeht. Der nimmt sich erst einmal eine Schüssel Suppe und überlegt, wie man den Toten aus dem Weg räumen könnte, bevor Frau Schumachers Mann und die zur Dinnerparty geladenen Gäste eintreffen, und ohne dass das Hauspersonal etwas merkt. Das ist nicht so einfach, denn jedes neue Versteck für die Leiche wird im Laufe des Abends überraschend stark frequentiert, weswegen der Tote immer wieder umgebettet werden muss, von der Besenkammer in den Keller, vom Keller in den Garten, vom Garten ins Gästezimmer.

Die Gäste, vier Paare, allesamt Würden- und Ämterträger von Rang und Namen, spielen derweil ein weitgehend unklar bleibendes Spiel, bei dem es darum geht, sich mittels Erpressung der anderen Anwesenden karrieristische Vorteile zu verschaffen, während die sexuell Frustrierten der Gruppe versuchen, mit irgendwem (und manchmal auch mit Mr. Boogie) anzubandeln.

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Die “Ich habe im Zlatko-Film mitgespielt”-Selbsthilfegruppe.

Zu alldem taucht mit Olaf, einem schwedischen Softie-Bodybuilder, noch eine ehemalige Affäre Frau Schumachers auf, die von Mr. Boogie mit cleverer Psychologie unter Kontrolle gehalten werden muss („Ey, geh weg, du Schwuchtel!“), damit er der Gastgeberin nicht vor allen Leuten seine Liebe gesteht.

Am Ende (und ich spoilere jetzt gnadenlos, denn mit ziemlicher Sicherheit werdet ihr den Film ohnehin nie zu Gesicht bekommen) stellt sich der Tote als gar nicht tot heraus. Das Messer ist falsch, das Blut künstlich, und die ganze Nummer nur eine Inszenierung der Gäste, um die Oberstaatsanwältin als Mordverdächtige der Polizei ans Messer liefern. Mr. Boogie steigt in den Morgenstunden zusammen mit einem Pizzaboten und einem dicken Scheck ins Auto, trifft unterwegs auf die Ehefrau eines der Gäste, die ihn im Laufe des Films mehrfach flachlegen wollte, und gemeinsam tanzen sie im Licht der aufgehenden Sonne. Ende.

So. Und ist der Film jetzt so scheiße, wie es in den Legenden heißt? Gut ist er nicht, ziemlich furchtbar sogar, aber auf keinen Fall ist er so mies, dass man ihn nicht zumindest auf Video hätte veröffentlichen können. Das Hauptproblem ist nicht mal Zlatko. Ich habe schon Holz mit mehr Charisma gesehen, aber selbst mit seiner eher bescheidenen Leistung hätte man einen ordentlichen Film machen können. Stattdessen scheitert Mr. Boogie, wie eigentlich immer alles, an Drehbuch und Regie.

Komik steht und fällt zunächst mal mit der Glaubwürdigkeit der Ausgangssituation, und hier versagt der Film völlig: Wir erfahren nie, was dieser Mr. Boogie eigentlich für einer ist, wie er arbeitet, woher Menschen seine Telefonnummer und sein Geschäftsmodell kennen (oder warum man Sympathien für eine kontextlose Figur empfinden sollte, die davon lebt, Gewaltverbrechen zu vertuschen). Es wird auch nie klar, warum die Gäste, die sich offenbar alle hassen, einen Abend zusammen verbringen wollen, oder wie ihr seltsames Spiel funktioniert. Ohne solche grundsätzlichen Dinge spielt das Szenario in einer Welt, die nicht die unsere ist, es hängt ohne Bodenhaftung in der Luft, und entsprechend gibt es keinen Grund, emotional zu investieren.

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Ich hege den Verdacht, dass die Macher es für einen Spitzenwitz gehalten haben, dass wertige Menschen wie sie selbst sich ein Proletenessen wie Pizza genehmigen.

Es wird nicht besser, wenn man sich die Details ansieht: Warum muss der Tote aus dem Garten verschwinden, nur weil die Gäste später zum Feuerwerk nach draußen gehen werden? Bei einem kleinen Reihenhaus wäre das ein glaubwürdig bedrohliches Szenario, aber die Schumachers wohnen in einer riesigen Villa mit Parkanlage, in der man die Bewohner aller bisherigen Big-Brother-Staffeln prima verscharren könnte (und sollte). Wenn Frau Schumacher aufkreischt, weil sie ihre Gäste in den Speisesaal führen möchte, draußen vor dem Fenster aber grade die Leiche hängt, die Mr. Boogie an einem Seil ins Gästezimmer im ersten Stock zieht, und sie die hungrige Meute deswegen hinhalten muss, ist das nicht komisch, weil es im Zimmer große Vorhänge gibt, die sie einfach zuziehen könnte. Frau Schumacher wird am Ende von der Polizei abgeführt, aber es ist offenkundig, dass das nur ein kurzes Intermezzo sein kann, weil sehr bald auch der Exekutive klar werden wird, dass der Tote keiner ist und es überhaupt keinen Kriminalfall gibt. Diese Szene hat nur dann einen Effekt, wenn man als Zuschauer eine Sache nicht weiter denkt als unbedingt notwendig (was auf das intendierte Publikum aber unter Umständen zutreffen könnte). Komödien leben nicht zuletzt davon, Probleme zu schaffen, wo eigentlich keine sind, aber weil die Diskrepanz zwischen realer und filmischer Welt derart offensichtlich ist, wirkt Mr. Boogie nicht komisch, sondern bemüht und grotesk.

mr-boogie3Geschichten scheitern gerne auch an einem schlechten Aufbau, und Mr. Boogie ist dafür ein haarsträubend gutes Beispiel. Die erste wirkliche Seltsamkeit liefert der Film nach der ersten halben Stunde, als einer der Gäste eine CD auflegt und Mr. Boogie zwanghaft zu tanzen beginnt. Es folgt eine Show aus Breakdance, Michael-Jackson-Schritten und Boygroup-Gehopse. Im Anschluss an diesen Spuk sitzt er bedröppelt in der Küche und gesteht seiner Auftraggeberin, dass er als Kind in einer Tanzschule eingeschlossen war und seitdem einen Tanzzwang verspürt, wann immer er Boogie-Musik hört. Auf dieses schräge Setup, auf das der Film mehrere Minuten investiert, folgt… nichts. Die Inszenierung macht ein Riesentheater um diese Szene, der Name der Hauptfigur und der Titel des Films suggerieren sogar, dass das als der Unique Selling Point gedacht gewesen ist, aber es gibt keinen Payoff, keine Szene im Finale, in der die Tanzerei ein glückliches Ende entweder gefährdet oder begünstigt. Mr. Boogies Tanzproblem wird nicht mal mehr erwähnt, und nur zum Abspann gibt es noch mal eine Szene, in der man ihn mit seinen Mitstreitern als Silhouette vor dem Sonnenaufgang tanzen sieht.

Während der Tanzszene der Payoff fehlt, der das anfängliche Setup rechtfertigt, gibt es gleich zwei Szenen, die keinen Sinn ergeben, weil sie etwas auflösen, was nie vorbereitet wurde. Zunächst zeigt sich der Typ, der den Toten spielt, Mr. Boogie gegenüber irgendwann als quicklebendig. Mr. Boogie erkennt ihn als, tja… Anscheinend als einen ehemaligen Lehrer oder so. Der Film tut so, als müsste man sich an den Herrn erinnern, aber er taucht anderweitig nicht im Film auf. Konsequenzen für die Geschichte hat das aber nicht, und eher fragt man sich, warum der Lehrer sich Mr. Boogie gegenüber offenbart, nur um ihm dann erneut sein Ableben vorzuspielen.

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Der Morgen danach: während die geschassten Männer ihre gebrochenen Herzen zusammenflicken…

Die andere rätselhafte Figur erscheint erst im Finale des Films. Als es da immer noch nichts zu essen gibt, ordern die meuternden Gäste eine Wagenladung Pizza. Die wird gebracht von einem kleinen Kerl namens Achmed, dessen Anwesenheit von Mr. Boogie verblüfft zur Kenntnis genommen wird. Man begrüßt sich, man klatscht sich ab, man sitzt als Zuschauer ratlos davor und fragt sich, woher die beiden sich kennen und warum das jetzt wichtig ist.

Für diese beiden kuriosen Auftritte gibt es drei denkbare Erklärungen: Ich will erstens nicht ausschließen, dass ich eine Version des Films gesehen habe, die nicht vollständig war, und dass ein oder zwei Szenen gefehlt haben, die den Plot verständlicher machen. Zweitens ist es möglich, dass die beiden Gestalten aus dem Reality-TV-Umfeld des realen Zlatkos stammen, und ich hier aufgeschmissen bin, weil ich nie eine Folge der sechsteiligen RTL-II-Show Zlatkos Welt gesehen habe. Drittens, und das halte ich angesichts des restlichen Films nicht für unwahrscheinlich, handelt es sich eventuell um geballte Inkompetenz in Sachen Geschichtenerzählen.

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…tanzen die Kern-Asis im Sonnenaufgang. Mit diesem Review habe ich übrigens die Zahl der im Netz verfügbaren Screenshots zum Film mehr als verdreifacht.

Ein paar gute Gags hat Mr. Boogie, sogar ein paar selbstironische Momente (Wenn zum Beispiel der Koch vermeintlich Baudelaire zitiert und Mr. Boogie „Das ist Shakespeare, du Depp!“ murmelt). Leider wussten die Macher, dass sie auch wirklich nur diese wenigen Brüller zur Verfügung hatten und walzen deswegen jeden Joke bis zur Unlustigkeit aus. Die wirkliche Komik liegt in den zahlreichen bizarren Momenten: Wenn Mr. Boogie die Leiche beschimpft („Du Arsch!“) und man ahnt, dass es der authentische Zlatko ist, den die Regie hier einfach hat machen lassen, wenn die Schauspieler hilflos chargieren, um zumindest ein wenig Amüsement aus dem um Komik ringenden Skript herauszupressen, oder wenn Mr. Boogie im Finale von einem Dachfenster aus auf den im Garten herumwuselnden Olaf ballert, während gleichzeitig das Feuerwerk losgeht – dann ist der Film blendend unterhaltsam, aber sicher nicht so, wie sich die Macher das gedacht haben.

Auf dem Papier mögen ein paar Sachen noch irgendwie sinnvoll geklungen haben (so vermute ich, dass das kalte, bösartig berechnende Verhalten der Reichen und Wichtigen den Gegenpol bilden sollte zu Zlatkos Image als ehrlicher Asi von nebenan). Unterm Strich aber ist Mr. Boogie eine harmlose Klamotte, wie sie in den 70ern und 80ern am Fließband produziert wurden, ein Husch-husch-und-fertig-Film, bei dem ein Team ohne wirklichen Sinn für Komik ein halbgares Drehbuch verfilmt, um am absehbar flüchtigen Ruhm eines beschränkt talentierten Selbstdarstellers zu verdienen. Von vielen vergleichbaren Werken unterscheidet sich der Film in zwei Punkten: Zum einen sind alle Schauspieler, die nicht Zlatko sind, mit Feuereifer bei der Sache, und man kann sich über die gesamte Laufzeit hinweg überlegen, ob dahinter eher Verzweiflung oder Ahnungslosigkeit ob der Qualität der Produktion steckt. Zum anderen bietet Mr. Boogie, ähnlich wie zum Beispiel Rudi, benimm dich!, reichlich What-the-fuck-Momente, die ein trashgestähltes Publikum vermutlich gut zu unterhalten wüssten – wenn der Film denn jemals in die Öffentlichkeit flutschen sollte. Wünschenswert wäre es, denn ansehen sollte man sich das. Zwar am besten nur einmal im Leben, aber eben doch auch wenigstens dieses eine Mal. Ihr müsst euch damit noch eine unbekannte Zeit gedulden, ich zumindest kann Mr. Boogie jetzt, nach über fünfzehn Jahren Wartezeit, endlich von meiner Bucket List streichen.




Ein Kommentar

1) Miles Faber

21. März 2016, 12:43

Hallo!

Toll mal was über diesen Film zu erfahren. Schade, dass Du nichts über die Umstände der Filmvorführung schreibst. – Ich sammle seit einigen Jahren grottenschlechte Filme. Schade das dieses Epos nicht veröffentlicht wurde. Wir zeigen in unserem kleinen TV-Programm auch immer wieder echt miese Kurzfilme und haben dafür eine kleine Fangruppe. – Miles.

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