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Tanz auf dem Vulkan – Die restaurierte Fassung

Letztes Jahr im Oktober präsentierten wir beim Festival des deutschen psychotronischen Films Tanz auf dem Vulkan, eine obskure, nichtsdestotrotz sehenswerte Dokumentation des Kollektivs Videotie von 1987. Nicht nur die Doku selbst war über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, auch von dem Stück Bochumer Stadtgeschichte, das sie behandelt, hatte ich vorher noch nie gehört, obwohl ich hier seit über zehn Jahren lebe:

Mitte der 80er schickte sich die Stadt Bochum an, ein ganzes Stadtviertel zugunsten einer Umgehungsstraße abzureißen. Eine Reihe von Bewohnern des so genannten Heusnerviertels war mit diesem zumindest fragwürdigen Bauprojekt nicht einverstanden, zog trotz auslaufender Nutzungsverträge nicht aus und besetzte ganze Straßenzüge – neben den Vorgängen in Frankfurt, Berlin und Hamburg eine der größten der damaligen deutschen Hausbesetzeraktionen.

Wie es weiter ging, kann man sich denken: der Polizeiapparat setze sich in Bewegung, der Protest radikalisierte sich, und die Lage begann langsam, über Jahre hinweg, zu eskalieren.

Während dieser Zeit filmte Videotie die Vorgänge im und um das Heusnerviertel. Die entstandene Doku ist denkbar einseitig, andererseits gehe ich auch nicht davon aus, dass die verantwortlichen Bauherren und Einsatzleiter zu Statements vor laufender Kamera zu bewegen gewesen wären.

Vor und nach der Bearbeitung: ein Polizist tritt einem Demonstranten ins Gesicht

Diese Woche bin ich endlich zu dem gekommen, was ich im Oktober beim Festival versprochen hatte: in Absprache mit den Macher_innen habe ich das 25 Jahre alte Mastertape digitalisiert und so gut es ging restauriert, die bei VHS oft zehntausendfach übersteuerten Farben geradegebügelt, Bildfehler behoben, die Tonspur entrauscht und komplett neu abgemischt, Huster, Knackser und wasweißich runtergepegelt und überhaupt rausgeholt, was bei einem Tape nach einem Vierteljahrhundert halt noch geht.

Daneben gab es viele eigenartige Stellen, die den ungünstigen Produktionsbedingungen der späten 80er geschuldet waren. Da hatten Bilder seltsame Farbstiche, weil Weißabgleiche schiefgelaufen waren, da brach eingeblendete Musik plötzlich ab, weil man mit Low-Budget-Technik nicht so ohne Weiteres überblenden konnte, da wurden Lücken gelassen für Off-Kommentare, die dann aber kürzer ausfielen als gedacht, weshalb oft lange Pausen auf der Tonspur waren und auf der Bildspur nichts passierte, außer dass ein eingeblendetes Foto noch weitere zehn bis zwanzig Sekunden zu sehen war.

Vorher, nachher: eines der Interview-Segmente

Ich hätte den Film so lassen können, aber wem hätte das genutzt? Das sind Unzulänglichkeiten, die eindeutig nicht so intendiert waren (ich hab das Schneiden ebenfalls noch an einem analogen Schnittplatz gelernt und denke mit Grausen daran zurück), die den Film unnötig ausbremsten, und die mit einem non-linearen Schnittsystem problemlos zu beheben sind. Als ich damit fertig war, guckte sich Tanz auf dem Vulkan nicht nur eine ordentliche Ecke flotter, sondern war auch noch um drei Minuten kürzer, und das obwohl ich selbstverständlich nichts Inhaltliches verändert hatte.

Gaaaah!

Das nächste Problem war Youtube. Beziehungsweise die GEMA. Beziehungsweise der Umstand, dass Videotie ein paar urheberrechtlich geschützte Musikschnipsel eingebaut hatte. Ich hatte im Vorfeld versucht, die teils ziemlich verrauschten Tracks zu identifizieren, um stattdessen saubere digitale Versionen einzusetzen, aber bei ein paar Titeln war ich chancenlos. Schön, dass ich dank Googles  bemerkenswert gutem Suchalgorithmus jetzt weiß, dass einer davon Harlem Nocturne von den Lounge Lizards ist. Blöd, dass das bedeutet, dass das Video von Deutschland aus nur über einen Proxy zugänglich ist. Was also tun? Ich hätte das Stück rausnehmen oder gegen was Anderes ersetzen können. Stattdessen habe ich so lange stumpf experimentiert, bis ich wusste, unter welchen Bedingungen Youtube einen Titel erkennt: weniger als 30 Sekunden Musik am Stück sind kein Problem. Solange danach zweieinhalb Sekunden Stille sind, kann man den Titel wieder einblenden, ohne dass die Sperre greift. Zum Glück musste ich nur an einer Stelle im Film zu diesem Trick greifen.

Das Ergebnis lässt sich jetzt in voller Länge auf Youtube bestaunen. Ich weiß, dass knapp 60 Minuten in Zeiten von sechssekündigen Viral-Videos als Zumutung gelten, hoffe aber trotzdem, dass ein paar von euch die eine Stunde Lebenszeit opfern werden. Ich zumindest habe in den vergangenen Tagen noch ein paar mehr in Tanz auf dem Vulkan investiert, und das hätte ich sicher nicht getan, wenn es das nicht wert gewesen wäre.




6 Kommentare

1) Mickeith

8. Mai 2012, 21:01

Klasse, Stadtgeschichte aus dem Ruhrpott und spannend zu sehen.

Herzlichen Dank für die Restaurierung.

Würde mich interessieren was aus den Lebensentwürfen der “Beteiligten” geworden ist.

2) Kees Jaratz

22. Mai 2014, 11:44

Auch von mir der Dank für die Arbeit, um dieses Stück Zeitgeschichte bebildert öffentlich zu machen. Ich verlink den Clip, wenn es die Zeit erlaubt, in unserem Historienblog zu einem Buchprojekt.

3) Bochum – Das Heusnerviertel | Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen

29. Dezember 2014, 05:49

[…] Looping hat sich die Arbeit gemacht, diese Aufnahmen zu restaurieren und sie online zu stellen.  Auf seiner Seite Sonderland.org erzählt er, wie es dazu kam und wo der Film vom Kollektiv Videotie…Die Bewegtbilder machen einen Ausschnitt der 1980er Jahre parteiisch und auf beeindruckende Weise […]

4) chris

30. Oktober 2015, 01:01

es gibt nichts schöneres ware schade gewesen um das materieal ….. ein stück geschichte gerettet….
merci

5) mischa

11. Januar 2017, 12:54

Super Arbeit! Was hast Du für die Restaurierung verwendet? Ich hab mal versucht, ein 1986/7 selbst gemachtes Kiefernstraßen-Video zu überarbeiten, bin aber erst mal gescheitert… Vor allem die Farbkorrektur würde nich ja interessieren…

6) Lukas

12. Januar 2017, 00:34

@alle: Oh, danke.
@mischa: Die Restaurierung hab ich damals mit Final Cut Studio 2 gemacht. Die Farbkorrektur funktioniert (unabhängig vom Tool) ziemlich unspektakulär, in der Regel ist ja einfach nur eine der Farben völlig überdreht. Zieht man die dann raus, bekommt man natürlich kein farblich einwandfreies Bild, aber zumindest eines, das einen einigermaßen an der Realität angelehnten Eindruck macht.

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