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Who you gonna call? Frau M. und die Geister aus dem Cyberspace (Teil 2)

Kurzer Überblick für alle Zuspätgekommenen: Frau M. wohnt in meiner Nachbarschaft. Sie ist offenbar schizophren und hat sich im September 2005 mittels eines Rundschreibens ihrem Umfeld mitgeteilt. Frau M. fühlt sich, wenn ich ihren Brief richtig verstanden habe, verfolgt von einem gut organisierten Konglomerat aus Kirchenvertretern, Alkoholikern und BWL-Studenten, die mittels modernster Technik Geistererscheinungen in ihre Wohnung projizieren. Damit nicht genug, diese Leute “filmen sich so in den Cyberspace ein” (O-Ton M.), dass sie in der Lage sind, durch die Wände von Frau M.s Wohnung zu gehen und sie damit trotz verschlossener Türen jederzeit überwachen können (Unklar bleibt, wozu diese Überwachung eigentlich dienen soll oder was Frau M. für die finsteren Gesellen so interessant macht). Das zumindest war der Stand der Dinge im Jahr 2005.

In einer lauen Sommernacht im Jahr darauf stand ich auf meinem Balkon, als die nachbarschaftliche Luft erzitterte von wütendem, unartikulierten Gebrüll einer Frauenstimme. Was genau geschrien wurde, habe ich nicht verstehen können, ich habe aber den Verdacht, dass da jemand seine Pillen nicht genommen hat und dann für gut eine Stunde in den eigenen vier Wänden auf Gespensterjagd gegangen ist.

Danach war es erst einmal lange ruhig um Frau M., aber dann, ungefähr anderthalb Jahre nach ihrem ersten Brief schickt sie im Mai 2007 ein zweites Rundschreiben auf die Reise. Wollen wir doch mal sehen, was sie in der Zwischenzeit so getrieben hat und wie es ihr mittlerweile geht (am rechten Rand fehlen wegen der schräg kopierten Vorlage hin und wieder ein paar Zeichen):

Da hat sich anscheinend nicht viel getan – das sind die schon bekannten wilden Themensprünge, wie sie Frau M.s Fans kennen und lieben. Ein Einstig, der mitfühlenden Zeitgenossen nichts Gutes und zynischen Bastarden erstklassige Unterhaltung verspricht. Ich fühle mich hin und her gerissen.

Ich vermute mal, dass hier nicht das Bochumer Rotlichtviertel gemeint ist (das im Volksmund übrigens auf den schönen Namen „Eierberg“ hört), sondern Bochumer Sozialarbeiter samt und sonders verbal eins draufkriegen sollen. Dazu passen die Unterstreichung und die Ausrufungszeichen – und da kommen noch einige mehr. Dafür gibt es keine Absätze. Man bekommt den Eindruck, als hätte Frau M. den Brief in einem einzigen Wutanfall heruntergetippt, und vielleicht wirkt das deswegen alles noch viel wirrer als in ihrem letzten Schreiben (jedenfalls so wirr, dass ich es für nötig halte, alle paar Zeilen meine Interpretation der Ereignisse in die Runde zu werfen):

Ja verdammt noch eins, alle dürfen sie im Cyberspace abhängen und den lieben langen Tag Gedanken lesen, nur Frau M. händigt man die dafür notwendigen Mittel nicht aus! Und hinter ihrem Rücken machen sich Hinz und Kunz deswegen über sie lustig! Mir persönlich gefällt die Vorstellung von „lebenden Wanzen“: ein umgangssprachlich zum Tier erhobenes Gerät (denn um Überwachung geht’s ja immer noch), das für Frau M. die ursprüngliche Bedeutung seines Namens verloren hat und dessen Lebendigkeit sie nun wieder herausstellt. Was genau eine lebende Wanze sein soll, weiß ich allerdings nicht.

Lebende     Wanze?

Lebende Wanze?

Wenn man den Science Fiction – Kram mal eben aus dem Blickfeld kehrt, bleibt dieser ominöse Rechtsstreit. Was da genau vorgefallen ist, ist mir auch beim xten Lesen ziemlich unklar, aber man könnte das so verstehen, dass ihre damaligen Nachbarn diesen Mietprozess als erstbeste Gelegenheit genutzt haben, um Frau M. aus ihrer Wohnung schmeißen zu lassen. Wenn sie damals schon schriftstellerisch tätig war, wenn sie damals vielleicht des Öfteren die Nächte durchgeschrien hat – es wäre zumindest nachvollziehbar.

Warum, um ihren ersten Brief zu zitieren, „verbricht“ sie „das Technikfach“ dann nicht endlich? Oder schreibt sich zumindest ein, um sich dann in der Ringvorlesung „Bürgerbelästigung heute“ einen der begehrten Gedankenlesehelme zu klauen?

Übrigens findet Google zum Stichwort „Ersatzfreiheitsstrafe“ sogar über 100.000 Treffer. Mit Hausarrest, elektrischen Fußfesseln oder derlei hat das allerdings nichts zu tun, eine Ersatzfreiheitsstrafe ist eine Haftstrafe die fällig wird, wenn eine verurteilte Person eine Geldstrafe nicht zahlen kann oder will.

Gedankenlesehelm

Verstehe ich so, dass Frau M. der Meinung ist, man würde sie nur deswegen als schizophren abstempeln, weil es ihr an Umgang mit der Schriftsprache mangelt. Nun. Wenn der alte Goethe behauptet hätte, Mitglieder einer Geheimorganisation würde ihm aus Jux Geisternebel in die Bude projizieren und dann durch die Wände seines Arbeitszimmers gehen, um ihm beim Dichten über die Schulter zu gucken – hätten die Leute gesagt “Na, er hat den Werther geschrieben, und der Faust I war ja auch nicht schlecht, dann wird er schon wissen, was er da erzählt”? Zugegeben: geniale (und/oder reiche) Menschen, die sowas behaupten, gelten gemeinhin nur als exzentrisch. Normale Menschen, die sowas behaupten, gelten dagegen als völlig Banane, ganz egal wie gut ihr Schreibstil ist. Ich habe die Regeln nicht gemacht, aber so sieht’s nun mal aus.

Ich hatte im ersten Brief einen Absatz rausgekürzt, aus dem (neben vielen biographischen Details, die nicht in die Öffentlichkeit gehören) hervorgeht, dass Frau M. schon ihr ganzes Leben lang in NRW wohnt, so sie uns denn nichts verschwiegen hat. Wieso also Hessen? Was wohl aus ihrem Schreiben geworden ist? Bis zu welchem Punkt ist eine Behörde verpflichtet, die Anfrage einer Bürgerin zu bearbeiten? Dürfen die einen Vorgang zu den Akten legen, wenn sich herauskristallisiert, dass diese Bürgerin zertifiziert wahnsinnig ist?

Word!

Hab ich wieder nicht gemacht, aus sicher naheliegenden Gründen. Man muss ja nicht weiter Öl ins Feuer gießen, zumal Frau M., von diesen Briefen einmal abgesehen (und von diesem einen nächtlichen Ausbruch, von dem ich ja aber auch nur vermute, dass sie es war) eine sehr unauffällige und damit per se angenehme Nachbarin ist. Ich habe sie zuletzt nur noch ein paar Mal an meiner U-Bahn-Haltestelle gesehen, ohne dass ich sagen könnte, wann das war, nicht mal hinsichtlich des Jahres bin ich mir sicher. Allerdings habe ich vorhin mal schnell nach den Klingelschildern an ihrem Haus gesehen, und offensichtlich wohnt sie zumindest immer noch hier. Dass ich jetzt über drei Jahre lang nichts mehr von ihr gehört habe, könnte natürlich darauf hindeuten, dass sie mittlerweile gesundet ist, aber angesichts einer Krankengeschichte von anscheinend zwanzig bis dreißig Jahren mag ich daran nicht so wirklich glauben.

Einen kurzen Epilog hat die Geschichte aber noch, denn ein paar Wochen nachdem ich den zweiten Brief bekommen hatte, klingelt es an meiner Haustür. Vor der Tür steht Frau M., trotz elektronisch überwachtem Hausarrest offenbar immer noch in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen. Sie fragt mich, ob ich ihren Brief mittlerweile unterschrieben habe, denn „ich werde doch überwacht, von Personal!“ „Äh, ja… Hab ich ja nun nicht gesehen, nicht?“ antworte ich. „Ich kann so was doch nicht unterschreiben, wenn ich nicht auch tatsächlich Zeuge gewesen bin.“ Frau M. murmelt noch ein knappes „Ah so, ja“, dreht sich auf der Stelle um und geht. Ich bin mir sicher: seit diesem Tag ist sie davon überzeugt, dass auch ich zum Personal gehöre.




2 Kommentare

1) Spielmann

27. Juni 2010, 13:18

Ganz schön schräg.
Wo mich Teil 1 noch belustigt hat, tut mir Frau M. nun doch leid.
Aber was soll’s!! Klasse Umsetzung (mit den pic’s)!!!

2) Entemery

14. Juli 2010, 00:26

WOW! ich bekomme richtig schiss… 1980 scheint diese Dame in der Straße gewohnt zu haben, in der ich die letzten 3 Jahre meines Lebens verbracht hab… werd ich jetz wohl auch von lebenden wanzen überwacht???

ich sollte mal nen Infobrief aufsetzen und bei meinen Mitmietern “verteilen”

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