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Who you gonna call? Frau M. und die Geister aus dem Cyberspace (Teil 1)

Irgendwann 2004: Ich wohne noch nicht so lange in meiner neuen Wohnung, als eines Tages eine vielleicht 50jährige Frau, offenbar eine Nachbarin, bei mir klingelt. Der Abfluss ihres Waschbeckens sei kaputt, und ob ich eventuell eine Rohrzange hätte. Habe ich tatsächlich und hole sie aus dem Bad, um sie der Dame in einem Anfall nachbarschaftlicher Hilfsbereitschaft in die Hand drücken zu wollen. Die aber sagt, sie könne damit nicht umgehen. Könnte ich ihr nicht eventuell helfen? Im Glauben, das wäre in fünf Minuten erledigt, sage ich zu und frage sie noch, in welchem Stock sie wohnt. Antwort: „Oh, nicht hier im Haus, aber es ist ganz in der Nähe.“ Ich ziehe mein Angebot höflich zurück und verschwinde samt meiner Rohrzange wieder in meiner Wohnung, denn entweder, so schließe ich, ist die Frau gar nicht erst auf die Idee gekommen, im eigenen Haus zu fragen, oder sie hat einen guten Grund anzunehmen, dass niemand dort ihr freiwillig helfen würde. Ich speichere das Gesicht daraufhin ab als „entweder verrückt oder potentiell gefährlich.“ Was ich noch nicht weiß: das war meine erste von zwei Begegnungen mit Frau M.. Ich habe eben diese Begegnung schon fast wieder vergessen, als ich im September des folgenden Jahres ein fotokopiertes Schreiben in meinem Briefkasten finde, von dem ich ausgehen muss, dass nicht nur ich es bekommen habe, sondern sämtliche Haushalte in der näheren Umgebung von Frau M.s Wohnstätte. Und dieses Schreiben ist ein ganz erstaunliches (Ich habe nichts verändert oder umgestellt – aus dem Scan gekürzt habe ich nur einen Absatz, in dem Frau M. einige persönliche Informationen preisgibt. Namen und Adressen habe ich geschwärzt):

Whoawhoawhoa, nicht so schnell! Wer schikaniert mich, und wieso weiß ich nichts davon? Was ist das für ein „Personal“? Akademiker? Juristen? Erst mal weiterlesen:

Ah, okay. Also Beschäftigte der beiden Amtskirchen, die wiederum einen oder mehrere autoritäre Rechtsanwälte beschäftigen.

Hier führt Frau M. einige neue Figuren ein. Versuchen wir einmal, die Übersicht zu behalten: Katholiken und Protestanten beauftragen Juristen und/oder BWL-Studenten damit, Frau M. zu schikanieren. Diese Nachstellungen werden befeuert durch Angehörige eines prekären Millieus („Drogen und Alkoholiker“), die mit Frau M. eine gemeinsame Vergangenheit teilen. Außerdem hat sie einen Hund (versichert). Na schön. Weiter:

Es ist vielleicht noch zu früh für eine Ferndiagnose, aber offensichtlich bin ich nicht der erste, der Frau M. unter „verrückt“ einsortiert hat.

Frau M. mag sich hilflos fühlen, aber sie hat einen Plan. Immerhin. Ich dachte erst, sie würde ihre Nachbarn jetzt um Spenden anhauen. Stattdessen:

So sieht’s nämlich aus. Diesen ersten (und letzten) klaren Moment wischt sie aber im Folgenden direkt wieder vom Tisch, denn es scheint sie nicht daran zu hindern, alle Hebel in Bewegung zu setzen:

Was sollen wir denn gesehen haben? Was will sie eigentlich in ihrer Wohnung filmen? Wie genau wird Frau M. denn nun schikaniert?

FrauM1

Was war wohl zuerst da? Hat Frau M. den Film gesehen und sich dann die Geistererscheinungen in die Wohnung phantasiert? Oder saß sie vor dem Fernseher, der Film lief und sie dachte sich „hey, eigentlich wie bei mir“? Wer jetzt schon an Irrsinn genug hat, sollte besser nicht weiterlesen. Das hier ist das dem Brief beigelegte Blatt, das man ihr unterschreiben soll:

Ob Frau M. nicht nur The Haunting, sondern vielleicht auch The Matrix gesehen hat? Oder hat sie nur einen Artkel über neue Medien gelesen, ein paar Schlüsselworte aufgeschnappt, das Konzept aber nicht verstanden und sich dann diese Bedrohungssituation zusammengebastelt? Vor allem aber: Wenn diese Leute von denen sie belästigt wird so wichtig sind, warum terrorisieren sie dann derart gezielt die Bürgerin Frau M., und das auch noch jahrelang? Was ist denn bei der zu holen? Selbst, wenn es die von ihr beschriebenen Technologien gäbe – das ganze Szenario bricht zusammen, wenn man es mit nur einem Hauch gesunden Menschenverstands unterfüttert. Womit wir, so befürchte ich, direkt beim Kern des Problems wären.

Was mir an ihrem Brief noch aufgefallen ist (und natürlich ist die folgende Ausdeutung nichts als Küchenpsychologie) sind die vielen Anführungszeichen. Frau M. scheint sich sehr unsicher zu sein, ob sich ihre Alltagssprache ins Schriftdeutsche übertragen lässt, sie weiß nicht, ob „man“ dieses oder jenes “so” schreiben kann. Anscheinend schreibt sie nicht oft, und als umso dringlicher scheint sie ihr Anliegen zu empfinden, wenn sie nun einen dreieinhalbseitigen Brief tippt und damit an (geschätzt) mindestens 30 Haushalte herantritt. Aber was weiß ich schon darüber, wie Verrückte so schreiben? Zumindest habe ich mir sagen lassen, dass ihre vielen neuen Einstiege ins Thema ziemlich typisch sind für schizophrene Schriftstellerei: „Es geht nur darum:“, „Das Problem ist nur“, die zahllosen und unvermuteten inhaltlichen Sprünge – alles Versuche, Außenstehenden den Sachverhalt systematisch zu schildern, was aber immer spätestens drei Zeilen darauf im Chaos endet, gefolgt von einem neuen Ansatz. Man kann sich in etwa ausmalen, wie es in ihrem Kopf aussehen muss.

Das war nicht das letzte Mal, dass ich mit Frau M. zu tun hatte – der nächste Brief kam knapp anderthalb Jahre später, aber dazu mehr im zweiten Teil.




5 Kommentare

1) Paul

19. Juni 2010, 20:21

Moin Lukas,

Frau M. ist der Hammer! Selbst in unserer Wohngegend hier in Münster sind mir derartig Irre noch nicht über den Weg gelaufen. Ich will Teil 2! Her damit! *g

Peace!
Paul

2) Spielmann

20. Juni 2010, 18:56

Wirklich sehr unterhaltsam.
Wenn es noch mehr solcher Story’s gibt müssen diese gebunden werden (zu ‘nem Buch)!! ;)

Grüße
Christoph

3) Grün

23. Juni 2010, 18:54

Ich will auch ein “Schräges Vögel Buch”
- Ich mag Enten

4) Lukas

23. Juni 2010, 23:57

Teil 2 kommt am Freitag im Laufe des Tages.
Material hätte ich zwar genug hier, aber so ein Buch muss man erst mal vollgeschrieben bekommen.

5) Entemery

14. Juli 2010, 00:16

scary scary die sache… zum glück scheint sie “nur” verrückt und nicht gefährlich zu sein, wenn man das “so schreiben” kann… ;)

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