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Hanuta-Sticker: Freche Früchtchen (1985)

FruechtchenCover

Bei meinen Eltern im Keller steht ein Schrank, der früher mal in meinem Kinderzimmer stand.

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Dieser Schrank ist wichtig. Ich habe keine Ahnung mehr, was sich damals eigentlich darin befunden hat – ist aber auch egal. Der Schrank markiert die zeitliche Grenze zwischen dem völlig durchschnittlichen Kind, das ich als circa Vierjähriger war, und dem lebenslang begeisterten Archivar popkultureller Artefakte, der ich danach wurde. Festmachen kann man das an den Aufklebern auf den Schranktüren, die die letzten dreißig Jahre irgendwie überstanden haben. Das, was noch zu erkennen ist, verrät mein wesentliches Kriterium dafür, was an diesen Schrank kam: Es musste kleben, alles andere war zweitrangig. Nichtsdestotrotz sieht man, wie 80er-Jahre das alles ist. Mehr 80er ist physikalisch quasi nicht mehr möglich: Rudi Völlers Sammelbild von der EM 1980 in Italien! Klebeetiketten für VHS-Cassetten! Adressaufkleber für den Entwicklungs-Service von Super8-Filmen! Samson und Tiffy! Werbung für eine Art-Garfunkel-LP von 1981! Die Schlümpfe! Wahlwerbung für die Grünen! Doofe Sprüche-Kleber aus Micky-Maus-Heften von 1984! Werbung für den (mir gottlob unbekannten) Film Is’ was, Kanzler?!?, ebenfalls von 1984, mit Tommi “Alf” Piper in der Hauptrolle! Ostermärsche! Sport-Goofy!

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Einzig der Kontext dieser Donald-Aufkleber waren mir lange ein Rätsel, bis ich 2012 in einem Comicladen in Ravensburg ein fast vollständiges „Donald Story“-Panini-Sammelalbum in einer Grabbelkiste gefunden habe. Das Album ist von 1984, dem Jahr, ab dem ich von Duck-Comics und -Trickfilmen vollkommen besessen war. Dass die Aufkleber trotzdem an der Schranktür anstatt in einem passenden Album landeten, zeigt, dass ich zu diesem Zeitpunkt schlicht kein Sammler war.

DonaldStory

Für nur einen Euro OMGOMGOMG!

Ganz anders sah das im Jahr darauf aus. 1985 veröffentlichte Ferrero in Hanuta und Duplo eine Klebebilder-Reihe, die meine Aufmerksamkeit in ihren eisernen Griff nahm. „Freche Früchtchen“ waren anthropomorphe Obst- und Gemüsesorten mit blöden Sprüchen – und obwohl ich damals einen ganzen Sommer lang Hanutas in mich hineingestopft habe, ist nicht eines der Bilder an meinem Klebeschrank zu finden, weil ich sie gehortet habe wie einen Schatz und im Leben nicht auf den Gedanken gekommen wäre, sie ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen. Es ist schwer zu sagen, was Kinder dazu bringt, etwas zu sammeln. Wahrscheinlich hab ich die Dinger einfach nur zusammengeklaubt, weil man sie sammeln KONNTE. Vermutlich fand ich auch den Humor der Sprüche ansprechend, denn es waren die 80er und ich grade mal fünf. Kinder finden ja jeden Mist lustig. Mir hat mal ein Kind von einem Film mit Kevin James oder Adam Sandler oder irgendeinem anderen Lowbrow-Comedy-Hansel erzählt und sich nicht mehr eingekriegt über eine Szene, in der die Hauptfigur „vor lauter Anstrengung furzen“ muss. Wenn ich so was schon höre, will ich die Welt brennen sehen, bis ich mich an die Frechen Früchtchen erinnere (auch wenn da nicht gefurzt wird, und auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass die Kinder von heute in dreißig Jahren nostalgische Artikel über Paul Blart, Mall Cop schreiben, die nicht triefen vor Traurigkeit und innerer Leere).

Ich würde euch jetzt gerne meine damalige Früchtchen-Sammlung präsentieren, aber von meinen Stickern hat kein einziger überlebt. Weswegen ich einen kompletten Satz bei eBay besorgt habe. Circa 20€ für ein paar Sticker sind zu viel, sagt ihr? Nun, ich habe letztendlich nur bedrucktes Papier gegen bedrucktes Papier getauscht, und da auf euren Geldscheinen keine Gurke zu sehen ist, die „Gurk nicht so rum“ sagt, habe ich so einen Verdacht, wer von uns der Cleverere ist. Gucken wir also mal, was den fünfjährigen Lukas so geflasht hat:

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Gleich die Nummer 1 ist verstörend. „Löcher mich nicht“, bittet die Birne den Wurm freundlich, anstatt einfach auszurasten und „FUCK! FUCK! ES LEBT IN MIR! WIE IN ALIEN!“ zu schreien.

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Okay, das ist ziemlich eindeutig das Zungen-Logo der Rolling Stones. Ferrero hatte (Überraschungs-) Eier, denn ausgerechnet dieser Sticker war das Promo-Motiv, das auf allen Verpackungen abgebildet war, aber entweder, diese Copyrightverletzung ist niemandem aufgefallen, oder es hat niemanden interessiert.

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Ich kann mich daran erinnern, wie faszinierend es für mich war, bei Freunden Bilder zu entdecken, die ich selbst noch nicht kannte – es gab ja keine Listen zum Nachschlagen – und mit ihrer Hilfe nach und nach die Lücken im eigenen Stickerstapel zu füllen. Den hier zum Beispiel hatte ich nicht selbst in einem Hanuta gefunden, sondern mit irgendeinem Nachbarskind getauscht, und damit den evolutionären Schritt vom Jäger und Sammler zum Händler vollzogen.

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Und wo wir schon beim Thema sind: Eine Zwiebel, die sich selbst zum Weinen bringt und eine Knoblauchknolle, die sich vor dem eigenen Geruch schützen muss – das ergibt evolutionär KEINEN SINN.

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Das ist mehr als nur sinnlos. Wir betreten hier „Weirder Endgegner in japanischem Import-Videospiel“-Territorium.

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Neben der wurmstichigen Birne gibt es noch ein paar weitere Sticker, in denen es die Protagonisten mit buddhistischer Freundlichkeit hinnehmen, dass ihre Körper zerstört werden. Das ist alles sehr viel bizarrer, als ich es in Erinnerung habe.

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Man sollte meinen, ein Spaziergang über den Wochenmarkt würde einem genug Inspiration bringen, um in einem Satz mit nur 24 Motiven nicht zwei Bananenbilder produzieren zu müssen, aber das waren halt die 80er. Wir hatten zu dieser Zeit nur eine begrenze Zahl von „frechen“ Sprüchen, und zwei davon waren eben „Ich flip aus!“ und „Ich lach mich krumm!“. Da kann man nichts machen, vor allem, weil diese Sprüche ja nicht zu Porree oder Ananas passen. Kein Spruch passt zu Ananas, deswegen ist sie ja auch kein freches Früchtchen. Das schaffen nur die lässigsten Obstsorten, wie eben zum Beispiel die Banane.

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Allerdings tue auch ich mich schwer damit, eine Erklärung für gleich DREI Apfelbilder zu finden. Vermutlich gibt es keine.

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Genau, zynisches Designer-Pack! Schmuggelt unter all die Nahrungsmittel ein Bild von einem Fliegenpilz, in der Hoffnung, dass wenigstens ein paar Bälger beim nächsten Waldspaziergang mit den Eltern auf dumme Gedanken kommen.

10+12+14

Die 80er waren das Jahrzehnt, in dem der Bürohumor in den Alltag schwappte – heiseres, freudloses Auflachen provozierende Wortspiele á la “zum Beispiel“/„zum Bleistift“, die das anonyme Arbeiten an tonnenschweren IBM-Großrechnern erträglich machten. Aber auch da gab es Grenzen, und eine Furchtbarkeit wie „Ich bin ge-Arti-schockt dürfte hoffentlich eine solche markieren. Mal davon abgesehen esse ich Artischocken meist auf Pizzen, und wenn ich mich mal frage, wie die Dinger jenseits dessen eigentlich aussehen, habe ich bis heute diesen Sticker im Kopf.

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Als Fünfjähriger habe ich Stunden mit dem Versuch verbracht, mir diesen Sticker irgendwie so zurecht zu erklären, dass er in die Serie passt. Ja, es ist eine GlühBIRNE, aber das entschuldigt gar nichts. Ich kann mir das nur so zusammenreimen, dass das Ferrrero-Kreativteam so ausgebrannt war, dass es vor der Wahl stand, entweder einen vierten Apfel-Sticker in die Serie zu nehmen, oder irgendwas Anderes, völlig egal was, Hauptsache, man konnte anschließend Feierabend machen und den Schmerz wegtrinken.

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Rauchen war damals noch Normalität. Alle haben in den 80ern geraucht, auch Maiskolben.

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Das klingt jetzt bescheuert, aber bis GRADE EBEN dachte ich, das sei eine Kiwi. Dann hab ich den Spruch auf dem Sticker noch mal gelesen, und mir ist aufgegangen, dass es wohl doch eher eine Stachelbeere ist. Nach DREISSIG Jahren. Ich weiß auch nicht, wie diese Verwechslung passieren konnte – das Ding sieht einer Kiwi nicht mal ÄHNLICH.

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„Let’s Ketchup!“ scheint mir nichts zu sein, was man in den 80ern gesagt hätte. Warum hätte man das auch tun sollen? Der Spruch ist aber ohnehin nur schmückendes Beiwerk, viel wichtiger war den Machern, in einer auf Kinder abzielenden Serie ein Bild unterzubringen, in dem eine Tomate fröhlich grinsend eine andere Tomate totquetscht.

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Das sind die drei Sticker, die ich damals nicht hatte und von denen ich fast dreißig Jahre lang nicht mal wusste, was wohl darauf zu sehen ist. Keine Ahnung, was mit dem Spruch der Kartoffel passiert ist. Vielleicht musste das Artwork verkleinert werden, weil es sonst nicht auf den Sticker gepasst hätte? Vielleicht wäre der Font nicht mehr lesbar gewesen, wenn man ihn so verkleinert hätte, dass er dann trotzdem noch gepasst hätte? Vielleicht habe ich einfach zu viel Zeit, um über so was nachzudenken?

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Friedensbewegte Eltern und Nuklearkriegsrettich: eine explosive Mischung.

Mein Favorit, nicht nur unter diesen dreien, sondern aus der ganzen Serie, ist der Rettich, der sich über den Atombombenabwurf auf seinem Kopf freut. So was ging nur in den 80ern, und auch da eigentlich nicht. Im Nachhinein kann ich froh sein, dass ich diesen Sticker nie aus einem Hanuta gezogen habe, sonst hätten meine Eltern die Sammelei der kriegsverharmlosenden Propaganda vermutlich flugs unterbunden.

Im Jahr darauf brachte Ferrero eine Serie mit anthropomorphen Autos, von denen ich ein paar hatte, die ich aber bei weitem nicht so gesammelt habe wie die Frechen Früchtchen. Konsequent fand ich Jahre später auch Pixars Cars ziemlich scheiße und freue mich immer, wenn andere Leute das auch so sehen.




4 Kommentare

1) comicfreak

17. November 2014, 14:49

..oh mein Gott, das Zeug hatte ich bis eben erfolgreich verdrängt!
Irgendwie fand ich das damals verstörend, und die Walnuss hasse ich regelrecht.

2) Michael

5. Juni 2016, 12:11

Tolle Seite, mit tollen Kindheitserinnerungen:-) Danke dir für die tollen eindrücke:-) Die Aufkleber hatten wir früher auf unsere Kühlbox:-) Grüße aus Hamburg

ps

verstörend finde ich die Aufkleber keinesfalls, eher lustig und frech-))

3) aloisius

30. Juni 2017, 09:51

Haben diese Aufkleber an unsere Betten geklebt, nachdem wir (ich und mein Bruder) im zarten Alter von 6 und 5 Jahren nach dem Zähneputzen vor dem Einschlafen noch ein Hanuta verspeist haben.Freue mich,wenn ich diese Bilder wieder sehe, man spürt den Duft der Kindheit! Überlege,ob ich mir auch einen Komplettsatz bestelle.

4) cammy klein

27. Juli 2017, 04:14

oh man an die dinger kann ich mich auch noch erinnern
sehr interessant al die fehlenden aufkleber zu sehen.
die man früher nicht bekommen hat.

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